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18.12.2011 12:46 von Veteranenverband Bund Deutscher Veteranen
Das war schwere Kost. In doppelter Hinsicht: die "Ilias" von Homer ebenso wie die eingearbeiteten Originalzitate von Afghanistan-Kämpfern, insbesondere die des Hauptfeldwebels Peter H.
Die "Ilias" ist eine Kriegserzählung von 660 v.u.Z., die Ereignisse beschreibt, die weitere 250 Jahre zurück liegen. Das 600-Seiten-Werk in der neuen deutschen Übersetzung von Raoul Schrott ist durch ihre moderne Sprache sehr gut lesbar. Die Texte der Soldaten von heute entstanden für diese Inszenierung in vielen Interviewstunden mit Afghanistan-Veteranen.
Passt das zusammen? Oder ist es nur der krampfhafte Versuch, antike Literatur und Tagesaktualität zusammenzumixen, um die Aufmerksamkeit für den schweren Stoff der Ilias, der eigentlich unspielbar ist, zu erhöhen? Wir haben vielleicht den Film „Troja“ vor Augen, in dem Brad Pitt den Achill spielt. Doch wer die "Ilias" als Buchtext liest, der kann, wenn ihm die literarische Kost zu lang und zu schwer wird, pausieren. Für den Zuschauer bei der Theateraufführung gibt es drei Stunden lang kein Ausweichen.
Bei vielen Szenen erinnerte ich mich an das Buch „Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust“. Der Autor Jonathan Shay ist Psychiater und hat schon vor über 30 Jahren die traumatischen Verhaltensweisen der Vietnam-Veteranen erforscht. Auch dieses Buch hatte mich beeindruckt und erschüttert. Der Vergleich des Vietnam-Veteranen mit Achill hat mich anfangs ebenso verwundert wie die Stuttgarter Inszenierung. Doch Shay wies anhand von Zitaten aus der "Ilias" nach, dass bereits 1200 v. Chr. bei Troja Krieger und Helden eindeutige Anzeichen eines Verhaltens zeigten, das wir heute mit dem Begriff Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) brandmarken
Das Hauptgeschehen der Stuttgarter Aufführung ist die Geschichte des Achill in der Belagerung und im Kampf um Troja. Um dem komplexen Geschehen mit Verständnis folgen zu können, ist aus meiner Sicht die Lektüre der "Ilias" Voraussetzung. Sonst bleiben als Eindruck nur die Worte der Soldaten-Zitate und das Bild des von Achill am Ende der Schlacht verursachten Blutbades.
Handlungsgerüst sind gekürzte Szenen aus der "Ilias". Wenn es um Einzelheiten des Geschehens auf dem Schlachtfeld vor Troja geht, dienen die Zitate aus Interviews mit Afghanistanveteranen dazu, Parallelen eines antiken Schlachtfeldes und des gegenwärtigen Krieges herzustellen. Afghanistan heute ist natürlich kein Schlachtfeld, sondern „nur“ der Schauplatz eines Guerillakrieges. Aber die Eindrücke, die die Soldaten dort aufnehmen, sind oftmals vergleichbar mit denen der griechischen und trojanischen Kämpfer. Auch damals gab es nicht nur Helden, sondern auch viele „normal“ handelnde Menschen. Und so berichten "normale" Soldaten vom Krieg in Afghanistan. Aber darf überhaupt von Krieg gesprochen werden? Offiziell haben wir ja keinen. Doch für den Toten, den Verwundeten, den seelisch Verletzten ist das ohne Bedeutung. Seine Erlebnisse waren Krieg. So wie mich mein Sohn am 7. Juni 2009 aus Kunduz anrief und als Erstes sagte: „Vadder, hier ist Krieg!“ Da hatte er drei Tage Gefecht und viele Hinterhalte durchstanden.
Den Vergleich von griechischen Göttern mit politischen Entscheidungsträgern in Deutschland fand ich etwas skurril, aber nicht abwegig. Die Götter des Olymp kümmerten sich um Leben und Sterben ihrer Helden wenig: Spielbälle im Machtgerangel. Götter und Göttinnen, selbst Zeus, begaben sich in die Niederungen der Schlachtfelder, meist in Verkleidung – durchaus eine Parallele zu den meisten Politikern heute. Karl-Theodor zu Guttenberg wird da die Ausnahme bleiben. Aber die göttergleiche Ferne der Politiker vom Leiden und Sterben der Soldaten wurde durch diese Szenerie deutlicher, als es viele Worte hätten bewirken können.
Als besonders ergreifend prägte sich mir eine Szene ein: Ein Berg von schwarzen Militärstiefeln poltert vom Himmel auf die Erde, auf die Bühne. Die Schauspieler sortieren die Stiefel in Reih und Glied, viele lange Reihen von Stiefelpaaren. Dabei rufen sie die Namen aller bisher gefallenen deutschen Soldaten und Polizisten auf, mit Dienstgrad und Lebensalter. Die Tragödie des Todes jedes Einzelnen wird in dieser Szene deutlicher und erschütternder als durch jede Todesanzeige. Ich bin Gott und Maria von Herzen dankbar, dass unser Name nicht gefallen ist.
Düstere Farben, Schwarz und Grau, herrschen vor bei den Kostümen. Keine Dekoration zerteilt den hohen, allseitig offenen Podest. Sparsames Licht, effektiv eingesetzt, unterstreicht die bitteren Geschehnisse in Troja und Afghanistan. Beeindruckend ist die ständig wechselnde Gruppenbildung der Schauspieler bei bestimmten Szenen und Textpassagen und damit die rhythmische Artikulation der Texte Homers.
So wie Homers Helden zu blutrünstigen Kämpfern werden, die in den langen Jahren des Krieges das Menschliche und Ehrenvolle - das auch Kodex in der archaischen Zeit war - , zunehmend vergessen, abstumpfen und um jeden Preis siegen wollen, so verändert auch der Kriegseinsatz die deutschen Soldaten: Die Textpassagen dokumentieren eine zunehmende (sprachliche) Verrohung. Man kann nachempfinden, wie eine monatelange Extrembelastung die Psyche verändert und den moralischen Standard sinken lässt. Doch von dem berserkerhaften Verhalten Achills nach dem Tod seines Freundes Patroklos sind „wir“ Gott sei Dank noch weit entfernt; und von My Lai/Vietnam hoffentlich auch.
Eines ist für mich nach dem Sammeln und In-mich-Aufsaugen der Berichte, Informationen und Bücher über „unseren“ Krieg Afghanistan deutlich geworden: Die Trauer um getötete und verwundete Kameraden sowie die extremen Belastungen im Gefecht. All dies reißt moralisch-sittliche und disziplinare Grenzsteine nieder. Ist die militärische Führung sich dessen bewusst? Und was weiß die Politik darüber? Im Zweifelsfall wird ein Untersuchungsausschuss gebildet, wie im Fall Oberst Klein. Und das Ergebnis?
Wofür lohnt es sich zu sterben? Achill will Rache und Ruhm und akzeptiert den Preis des eigenen Todes. Wofür sollen deutsche Soldaten heute sterben? Für Deutschland? Hat es dieses Land verdient? Ist Deutschland das Leben von über 50 gefallenen Soldaten und Polizeibeamten wert? Diese Frage bleibt unbeantwortet in dieser Inszenierung. Hilfe durch die Politik steht nicht zu erwarten. Es gibt bis heute – aus meiner Sicht – keine eindeutige moralische Begründung für den Einsatz und für den Tod in Afghanistan. Es geht mir nicht um eine Verherrlichung des Einsatzes, aber um die wichtige Frage, ob der Krieg in Afghanistan gerechtfertigt ist. Durch das Fehlen einer eindeutigen Aussage werden Begründungsprobleme offengelegt – gerade auch durch den zwingenden Vergleich von archaischen Kriegern mit Soldaten der Bundeswehr im Einsatz. Das ist kein Problem der Soldaten, sondern der Gesellschaft und erst recht der Regierung und des Bundestages. Schließlich haben wir eine Parlamentsarmee, und der Bundestag ist in der Pflicht.
Wird Homer entstellt durch diese Inszenierung, durch die Verkürzung der Texte, durch die gewollte Zusammenführung von 3000 Jahren Militärgeschichte? Ich meine nicht. Ich habe die "Ilias" gelesen, weil ich wissen wollte, ob Achill in Vietnam tatsächlich wiederauferstanden sein konnte und ob seine Geschichte in Afghanistan ihre Fortsetzung gefunden hat. Mein Fazit: Seine Geschichte wird auf allen Kriegsschauplätzen der Zukunft ihre Fortsetzung finden. Das ist Menschenschicksal. Die "Ilias" ist keine Verherrlichung des Krieges; sie schildert alle Schrecken in epischer Breite und Dringlichkeit. Die Verflechtung mit den Afghanistan-Szenen erzeugt ein düsteres, pessimistisches Bild des Menschen.
Wer in Afghanistan gekämpft hat, kommt nach Deutschland zurück als Fremder. Kriegsveteranen sind eine besondere Gruppe. Sie haben extreme Situationen der Bedrohung und Angst erlebt, die das Wohlstandsdeutschland nicht mehr kennt und noch nicht akzeptieren will. Veteranen sollten sagen können: „Wir haben gekämpft, wie es der (militärische und moralische) Gebrauch gebot!“ Und auf jedem Grabstein in Afghanistan sollte stehen: „Er fiel für den Frieden in diesem Land. Wanderer, kommst du nach Deutschland, verkünde dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl!“
„Achill in Afghanistan“ war kein vergnüglicher Abend, keine Erbauung, das war brutale Realität. Und warum habe ich mir das angetan? Weil ich wissen wollte, wie die Kunst mit deutscher Moral und Sicherheitspolitik umgeht.
Die Schauspieler waren großartig, die Regieleistung eindrucksvoll. Der Schlussbeifall von Herzen gespendet. Danke.
Frank Schwartz
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